Harry Graf Kessler (1868-1937) war ein fleißiger Tagebuchschreiber. Ich habe nun Band 2 (1892-1897) von insgesamt 9 gelesen (Band 1 ist noch nicht erschienen).

Ein umfangreiches Vorwort gibt eine Einführung in Kesslers leben und verlinkt die Jahre des Tagebuchs  mit dem allgemeinen Zeitgeschehen. In dem betreffenden Zeitraum macht Kessler eine Weltreise, verrichtet seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger und unternimmt die notwendigen Schritte um Offizier zu werden, ist an der Zeitschrift PAN führend beteiligt und lernt in dem Zusammenhang führende Künstler der Zeit kennen (z.B. Munch, Klinger, Verlaine). Des weiteren ist er in die Rettung des Nietzsche-Archives involviert.

Viele der Einträge enthalten Aufzählungen der Leute, mit denen er an dem Tag zu tun hatte. Längere Einträge spekulieren über Kunstgeschichte, Ästhetik, Theorie der Wirkung von Kunst, Politik und Gesellschaft. Ab und zu erfährt man etwas über seine Lektüre. Was fehlt, sind die sehr persönlichen Gedanken und Gefühle.

Wenn man von den Namenslisten und dem aufreibenden Alltag eines Adligen mal absieht (Ball, Jagd, Ball, Ball, Jagd etc.), bekommt man einen sehr aufschlussreichen Einblick in das Europa am Ende des 19. Jahrhunderts.