März 2018


Philipp Blom ist bekannt unter anderem für seine Geschichte der französischen Aufklärung „Böse Philosophen“. Sein aktuelles Buch – „Die Welt aus den Angeln“ – kann teilweise als dessen Vorgeschichte betrachtet werden. Der Untertitel „Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart“ ist ungewöhnlich lang und verweist schon auf die wichtigsten Themen des Buches.

Blom analysiert die aufgrund der kleinen Eiszeit auftretenden Veränderungen der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Kriegswesens. Der für mich interessanteste Teil, den man als Vorläufer der Bösen Philosophen betrachten könnte, ist die Geschichte des Geisteslebens. Blom beschreibt die Entwicklung der Ideen von Descartes, Bayle, Spinoza und (weniger bekannt) Vanini und Gassendi.

Im Epilog spekuliert Blom über die Auswirkungen von Klimaveränderungen auf unsere heutige Gesellschaft auf der Grundlage dessen, was er in den vorhergehenden Kapiteln aus der Geschichte extrahieren konnte.

Natürlich führte diese Lektüre wie immer zu neuen Buchkäufen. Unter anderem Bayles „Verschiedene Gedanken über einen Kometen“ ist darunter. Leider konnte ich von Vanini und Gassendi keine nennenswerten Ausgaben finden.

Letztens habe ich wohl zu Unrecht dem Witwenstand gegrollt. Die aktuelle Rechteinhaberin, die nicht Wollschägers Witwe ist, hat in ihrem Blog einen interessanten und aufschlussreichen Artikel zum Thema gepostet. Er ist zwar sehr, sehr lang, aber unbedingt wert, gelesen zu werden.

Wer im Osten dieser Republik geboren wurde, dem waren Marx und Engels keine Unbekannten. Schulisch, außerschulisch, im Studium, im Parteilehrjahr, Zeitung, Wandzeitung – es gab keinen Ort, wo die beiden nicht auftauchten. Daher dachte ich, als ich anhub Jürgen Herres Marx und Engels: Porträt einer intellektuellen Freundschaft“ zu lesen, es wird mir viel altbekanntes über den Weg laufen.

Und ja, vieles kam mir bekannt vor. Aber auch sehr viel war neu für mich bzw. erschien in einem neuen Licht. Herres zeichnet sehr akribisch das Leben der beiden in dieser Doppelbiographie. Das publizistische Werk, die geschriebenen bzw. nicht geschriebenen Bücher, der umfangreiche Briefwechsel, die politische Arbeit, der häufige Wohnortwechsel, die Geldsorgen, die Interaktion mit Zeitgenossen. Alles wird, gründlich referenziert*, dem Leser nahe gebracht.

Zwei der besprochenen Werke weckten mein (wiederholtes) Interesse. Einerseits der Anti-Düring, den ich schon als Schüler teilweise gelesen habe, und der wohl einer wiederholten Lektüre würdig ist. Und „Die heilige Familie“. Darin spielt Eugène Sues Roman „Die Geheimnisse von Paris“ eine nicht unbedeutende Rolle.

Wenn uns damals, als Schüler, die menschliche Seite von Marx und Engels mit allen ihren Fehlern und Skurilitäten näher gebracht worden wäre, es hätte eher unser Interesse wecken können als der Götzendienst.

Es gibt übrigens eine geniale Lesung aus dem Briefwechsel – Marx & Engels intim“. Mit Harry Rowohlt als Marx und Gregor Gysi als Engels. Großartig! Sowohl inhaltlich als auch in der Interpretation.


*Die meisten Referenzen beziehen sich auf die MEW oder die MEGA.

Man kann nicht annehmen, daß sich Charakter und Stimmung eines Romans durch eine nüchterne Zusammenfassung vermitteln ließen. […] und außerdem geht es ja nicht darum, jemandem die Mühe des Lesens zu ersparen, oder nicht zu ersparen.

aus Muriel Spark „Vorsätzlich Herumlungern“