Abartiges


Das NZZ Folio Heft vom August 2017 hat Bibliotheken zum Thema. Ein Artikel beschreibt eine in meinen Augen perverse Form von Büchersammler. Ein ehemaliger Investmentbänker stellt für viel Geld Bibliotheken für seine reichen Kunden zusammen. Bibliotheken, die letztendlich Prestige- oder Schmuckfunktion erfüllen. Schade um die Bücher. Bunte Kartons und in Leder gebundene Holzklötze würden für diese Leute den gleichen Zweck erfüllen.

Das einzig wahre Mittel gegen Bullshit ist Wissen. Wissen um die Methoden der Bullshitter.

Das Buch „Glauben Sie nicht jeden Bullshit. Wie Sie mentale Verführer durchschauen“ von Stephen Law versucht, die wichtigsten Methoden von Esoterikern, Verschwörungstheoretikern und Vertretern der verschiedensten Religionen aufzudecken und dem Leser geeignete Gegenmittel in die Hand zu geben.

Das ganze Spektrum von der Mysterienkarte, über „Aber es passt!“ und „Ich weiß es einfach!“ bis zu Pseudotiefgründigkeit und Anekdotensammlung wird dabei abgedeckt. Law ist sehr gründlich, und  das macht das Lesen teilweise mühsam. Der gesammelte Schwachsinn der Bullshitter ist so konzentriert nur schwer zu ertragen. Aber wenn man es schafft durchzuhalten, ist der rhetorische Werkzeugkasten für die nächste Diskussion mit neuen, mächtigen Werkzeugen ergänzt worden.

P.S. Law verweißt im Kapitel über die Pseudotiefgründigkeit auf den Postmodernism Generator. Dieser ist in der Lage, ein wunderbar tiefgründiges und trotzdem sinnentleertes Essay mit Querverweisen und allem Drum und Dran zu generieren. Nur, falls man mal wieder sowas schreiben muss. 😉

Ich bin ja der Meinung, es ist immer am Besten, auf die Quellen zurückzugreifen, als nur Sekundärliteratur zu lesen. Also habe ich mir mal Luthers 95 Thesen angetan (in einer neuen Übersetzung und mit einem lesenswerten Nachwort versehen von Karl-Heinz Göttert).

Naja, so toll sind die Thesen ja nicht. Und Göttert weißt auch deutlich darauf hin, dass die Reformation durch die Schriften, die auf die Thesen folgten, und weniger durch die Thesen selbst ausgelöst wurde. In den Thesen geht es fast ausschließlich um den Ablasshandel. Aber weniger darum, ihn zu verbieten, als ihn zu verbessern und „richtig“ zu machen. Buße ist das Stichwort. Man muss Büßen und Leiden, dann wird Gott Gnade walten lassen. Hauptsache Büßen und Leiden. Auf das Geld kann man dann verzichten. Auf den Ablass dann eigentlich auch. Egal, der Papst hat immer Recht. Was für ein Geschwurbel!

Aber wie sagt man so schön. Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn. These 46 ist sogar fast sympathisch:

Man soll den Christen sagen: Wer nicht gerade im Überfluss lebt, soll alles Notwendige für sein Hauswesen behalten und keinesfalls für Ablässe verschwenden.

Ich war mal wieder in einer deutschen Buchhandlung. Das war keine gute Idee. Aber irgendwie zieht es mich doch immer wieder hinein.

Beim Betreten ließ ich die Bestseller- und Das-ist-neu-und-super-Tische gleich links liegen. Da ist sowieso nichts für mich zu holen. Beruflich bedingt schaue ich bei den Naturwissenschaften vorbei. Da stehen auf zwei Regale gedrängt Biologie, Physik, Astronomie etc. Überwiegend Sach-, kaum Fachbücher. Schräg gegenüber bekommt dafür die Religion fast den halben Raum spendiert. Aufgrund der Nachfrage oder ist das ein Zeichen unserer Zeit?

Noch einen Blick zur Science Fiction und Fantasy. Nichts was ich sofort haben muss. Aber ein interessantes Kundengespräch in der Nachbarabteilung aufgeschnappt (nur inhaltlich wiedergegeben):
Kunde: Ich suche was leichtes für den Urlaub am Strand. Würde sich das Buch hier eignen?
Händler: Ich habe es nicht gelesen, aber es passt ganz bestimmt. Es ist wunderbar leicht und sehr unterhaltsam. Das ist genau das, was Sie im Urlaub lesen wollen.

Da mag sich niemand wundern, warum ich mich nicht mehr beraten lasse.

Ein kurzer Blick zu den Klassikern, Geschichte, Philosophie. Auch nichts für mich.

Früher konnte ich keinen Buchladen verlassen, ohne nicht mindestens ein Buch gekauft zu haben. Heutzutage schwanke ich zwischen Enttäuschung und Entsetzen, wenn sich die Tür wieder hinter mir schließt. Es ist wahrlich keine Freude mehr, diese Hochburgen des Kitsch, der Glückwunschkarten und der sanften Urlaubslektüre zu betreten. Nee, wirklich nicht.

Ich glaube, ich bestelle mir jetzt was bei Amazon.

 

Ich lerne ja immer gern dazu und möchte meinen Blog verbessern. Daher besuche ich von Zeit zu Zeit die Topliste der deutschen Buchblogger und schaue mir die Top-Favoriten bzw. die besonders schnellen Aufsteiger an. Und da fällt mir immer wieder auf, dass die Blogs mit Bildern nur so gespickt sind. Zum Beispiel enthalten die Rezensionen Bilder des Buches von vorn, von hinten, von oben, etwas necksich von der Seite und eventuell noch mit einem Kuscheltier. Dazu viel bunt und möglichst auffällig.

Um es aber mal klar zu sagen, es geht dabei nicht um Bilderbücher. Warum kann ein Blog, bzw. um es noch einmal zu betonen ein Bücher-Blog, nicht allein mit Text erfolgreich werden. Geht es in den Rezensionen, Bewertungen und anderen Blog-Artikeln nicht um die Vermittlung von Informationen? Sind die Blog-Besucher keine Leser? Leser von Lesen, nicht Gucken.

Ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob ich, um mehr Leute anzuziehen, mehr Bildchen zwischen meine Texte streuen sollte. Aber das wäre dann nicht mehr mein Blog. Das wäre nicht ich.

Ich freue mich also über Jeden, der sich hierher verirrt und liest. Gucker folgen bitte diesem Link.

2016 war ein wirklich gutes Lesejahr. Die Augenoperation letztes Jahr hat sich vor allem auf das Lesen äußerst positiv ausgewirkt. Ich konnte dieses Jahr 113 Bücher mit insgesamt 37’005 Seiten lesen. Von allem war etwas dabei – Klassiker, Science Fiction, Fantasy, Krimis, Sachbücher. Und nur wenige qualitative Ausreißer.

2017 kann kommen. Ich werde unter anderem mal wieder an einem Lesewettbewerb teilnehmen. Das Klassiker-Forum forderte seine Mitglieder auf, Leselisten klassischer Werke zu erstellen, die gelesen und vor allem rezensiert werden sollen. Ich bin mit einer Mittelalter- und einer Sachbuchliste dabei.

Es ist mal wieder soweit. Die Welt steht vor den Untergang. Und diesmal sind die Bücher daran Schuld. Und um die Menschen davor zu schützen, werden Trigger-Warnungen gefordert. Wirklich? Sind wir mit dieser $%&#*+ political correctness nun schon soweit gekommen? Kant hatte das damals mit dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit aber anders im Sinn. Sollte Bradbury mit „Fahrenheit 451“ doch irgendwann Recht behalten?

Dieser Beitrag enthält neben Buchstaben und Satzeichen jede Menge Wut und Unverständnis.

Nachtrag 1: Was ist eigentlich mit meinen Gefühlen? Die Dummheit solcher Leute verletzt meine Gefühle. Wo bleibt da die Trigger-Warnung?

Nachtrag 2: Political correctness löst keine Probleme. Sie verdeckt oder verschlimmert das Problem bzw. erzeugt neue.

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