Lexikalisches


Nicht noch einer! mag mancher von Euch denken. Doch! Das ist noch ein Leipziger Buchmessenreport (Yet Another Leipzig Book Fair Report). Mein ganz persönlicher.

Ich war ja das erste mal zu dieser Messe. Neuvorstellungen, Lesungen, Podiumsdiskussionen waren dabei nicht mein Ziel. Ich wollte einfach nur den gesamtheitlichen Eindruck der Messe erleben. Und ja, es hat mir gefallen. Auch die nackten Hasen war kein Problem (obwohl die MangaComicCon in Halle 1 für mich wenig Interessantes bot; bin wohl zu alt dafür 😉 ).

Ansonsten habe ich bei Diogenes meine Beschwerde über die Einstellung der Maigret-Reihe abladen können. Wobei ich wohl nicht der Einzige war. Zur selben Zeit hat noch ein anderer Leser genau das selbe Problem angesprochen. Am Stand der Arno-Schmidt-Stiftung hatte ich ein sehr aufschlussreiches Gespräch über die Digitale Edition und andere zukünftige Veröffentlichungen (P.H. muss da wohl irgendwas falsch machen). Mit den Pirckheimern hatte ich einen netten Plausch und bin, da deren Stand mir im Weg lag, gleich noch Mitglied beim Leipziger Bibliophilen Abend e.V. geworden. Die Antiquariatsmesse verließ ich mit einem 300 Jahre alten Helden- und Heldinnenlexicon. Und mein Blick in aktuelle Physikschulbücher ließ mich wie immer entsetzt zurückweichen. Wenigsten hatte ich bei der Gelegenheit ein interessantes Gespräch mit einem Lehrer im Ruhestand, dem es offensichtlich genauso erging.

Nicht zu vergessen natürlich das Treffen mit ein paar anderen Literaturschockern. Es ist immer wieder schön, einen Namen mit einem Gesicht verknüpfen zu können.

Unterkunft (mit kostenlosem Shuttleservice), Verpflegung etc. war alles wie man es sich wünscht.

Leipzig, Du musst damit rechen, dass ich wiederkommen werde.

Dr. Cäsar Flaischlen hat Ende des 19. Jahrhunderts versucht, die Geschichte der deutschen Literatur und den Einfluß der fremden Literaturen auf deren Verlauf zu visualisieren. Herausgekommen ist dabei die Graphische Litteratur-Tafel. Ein anschwellender Fluss mit vielen größeren und kleineren Nebenflüssen. Eine wunderschöne Grafik, die es Wert ist, wiederentdeckt zu werden.

Normalerweise lasse mich mich nur selten zu  einer Rezension hinreißen. Aber Jim al-Khalilis Buch „Im Haus der Weisheit“ hat es verdient, daß ich ein paar Zeilen darüber schreibe. Der Untertitel „Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“ umreißt schon klar und deutlich, worum es geht.

al-Khalili beschreibt den Aufstieg der arabischen Wissenschaften im 8. Jahrhundert und den Einfluß, den die antiken Wissenschaften dabei hatten. Er führt den Leser in die Wissenschaftszentren der damaligen Zeit und stellt berühmte und bedeutende Wissenschaftler vor. Wobei berühmt und bedeutend aus unserer europäischen Sichtweise nicht unbedingt immer das selbe sein muß. Auch beschreibt er, wie der Staffelstab an die Europäer in der Renaissance zurückgegeben wurde und danach die Entwicklung im arabischen Raum immer mehr stagnierte. Die Religion hatte wie immer dabei einen unrühmlichen Anteil. Das letzte Kapitel über die heutige Situation ist auch eine Aufforderung an die arabische Welt, sich ihrer Wurzel zu erinnern.

Einige der von al-Khalili genannten Namen hat man schon mal irgendwo gehört oder gelesen (z.B. Ibn Sina, al-Biruni). Aber diese konzentrierte Darstellung und der profunde Überblick über die verschiedensten Fachgebiete (Astronomie, Mathematik, Physik, Medizin, Philosophie) den er in dem Buch liefert, ergeben einen ganz anderen Blick auf die Wissenschaftsgeschichte und den Einfluß der arabischen Wissenschaften auf die europäische Welt.

Das Buch kann ich jedem, der nur ein wenig an Wissenschaftsgeschichte interessiert ist, wärmstens an Herz legen. Es liest sich flüssig, ist spannend, und trotzdem ist es keineswegs oberflächlich. Man merkt dem Ganzen deutlich an, daß die Vermittlung der umfangreichen und detaillierten Informationen al-Khalili ein äußerst wichtiges Anliegen ist.

Mich hat er erreicht. Ich hatte in dem Buch viele Aha-Erlebnisse. Und ich hoffe, daß es noch vielen anderen so gehen wird.

Kann es sein, daß die Wikipedia auf dem Schweizer Auge ein wenig blind ist? In den letzten Tagen habe ich wiederholt vergeblich Begriffe mit einem Schweizer Hintergrund in der Wikipedia gesucht.

Da wäre z.B. die Hulligerschrift. Das ist die von Paul Hulliger entwickelte Schrift, die 1936 Schweizer Schulschrift wurde. Oder die Sichlete – eine lokale Variante des Erntedankfestes.

Natürlich könnte man einwenden, wenn ich mich schon darüber beschwere, könnte ich die entsprechenden Fakten, die ich mir nun auf anderen Wegen besorgt habe, doch in die Wikipedia eintragen. Jain. Ich habe keine Lust, ein paar Schnelllöschkandidaten anzulegen. Meine Erfahrungen als Autor bei der Wikipedia sind dahingehend leider ziemlich schlecht.

Oder man könnte sich fragen, ob diese Informationen Teil der Wikipedia sein sollten. Ich denke ja. Sie sind Teil der Geschichte und Kultur der Schweiz und damit relevant.

Naja, vielleicht findet sich ja jetzt ein Mutiger, der die fehlenden Artikel erstellt.

Das Handelsblatt bringt einen Nachruf auf den Brockhaus.

A.J. Jacobs hat es vorgemacht. Er las innerhalb eines Jahres die Britannica und hat darüber in seinem Buch „Britannica & ich“ berichtet. Dem Amerikaner Ammon Shea war das wohl nicht genug. Er las das 20-bändige Oxford English Dictionary (OED). Was verheerende Auswirkungen auf seinen Wortschatz hatte. Seine Erfahrungen beschreibt er in dem Buch „Reading the Oxford English Dictionary: One Man, One Year, 21,730 Page„.

Im Boersenblatt wird wieder mal der Nutzen gedruckter Nachschlagewerke anhand der aktuellen Version des „Killy Literaturlexikons“ diskutiert.

Also wenn den Preis nicht so exorbitant hoch wäre, würde der Killy auch bei mir einen Platz finden.

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