Literarisches


Wer im Osten dieser Republik geboren wurde, dem waren Marx und Engels keine Unbekannten. Schulisch, außerschulisch, im Studium, im Parteilehrjahr, Zeitung, Wandzeitung – es gab keinen Ort, wo die beiden nicht auftauchten. Daher dachte ich, als ich anhub Jürgen Herres Marx und Engels: Porträt einer intellektuellen Freundschaft“ zu lesen, es wird mir viel altbekanntes über den Weg laufen.

Und ja, vieles kam mir bekannt vor. Aber auch sehr viel war neu für mich bzw. erschien in einem neuen Licht. Herres zeichnet sehr akribisch das Leben der beiden in dieser Doppelbiographie. Das publizistische Werk, die geschriebenen bzw. nicht geschriebenen Bücher, der umfangreiche Briefwechsel, die politische Arbeit, der häufige Wohnortwechsel, die Geldsorgen, die Interaktion mit Zeitgenossen. Alles wird, gründlich referenziert*, dem Leser nahe gebracht.

Zwei der besprochenen Werke weckten mein (wiederholtes) Interesse. Einerseits der Anti-Düring, den ich schon als Schüler teilweise gelesen habe, und der wohl einer wiederholten Lektüre würdig ist. Und „Die heilige Familie“. Darin spielt Eugène Sues Roman „Die Geheimnisse von Paris“ eine nicht unbedeutende Rolle.

Wenn uns damals, als Schüler, die menschliche Seite von Marx und Engels mit allen ihren Fehlern und Skurilitäten näher gebracht worden wäre, es hätte eher unser Interesse wecken können als der Götzendienst.

Es gibt übrigens eine geniale Lesung aus dem Briefwechsel – Marx & Engels intim“. Mit Harry Rowohlt als Marx und Gregor Gysi als Engels. Großartig! Sowohl inhaltlich als auch in der Interpretation.


*Die meisten Referenzen beziehen sich auf die MEW oder die MEGA.

Man kann nicht annehmen, daß sich Charakter und Stimmung eines Romans durch eine nüchterne Zusammenfassung vermitteln ließen. […] und außerdem geht es ja nicht darum, jemandem die Mühe des Lesens zu ersparen, oder nicht zu ersparen.

aus Muriel Spark „Vorsätzlich Herumlungern“

Ich hatte mich so darauf gefreut. Im Sommer sollte eine überarbeite Übersetzung von Joyce „Ulysses“ herauskommen, die auf der aktuellen Originalversion beruht. Wie nun bekannt wurde, hat die Witwe von Hans Wollschläger, der die der Überarbeitung zugrundeliegende Übersetzung erstellte, Suhrkamp die Veröffentlichung untersagt.

Copyright gut und schön. Aber ich denke, dieses Verbot ist weder im Interesse der Öffentlichkeit noch im Interesse Wollschlägers. Da hat wohl wieder nur der schnöde Mammon seine Hand im Spiel. Die Witwe hat die Übersetzung nicht gemacht. Es ist nicht ihr Werk. Sie sollte nicht darüber entscheiden dürfen. Copyrights sollten nicht vererbbar sein.

Ich hoffe, Suhrkamp findet noch eine Lösung.

Man kann nicht alle Autoren kennen. Nicht mal alle berühmten. Aber man kann immer mal wieder eine Entdeckung machen.

Anlässlich ihres hundertsten Geburtstages in diesem Jahr geriet Muriel Spark in mein Blickfeld. Also las ich erst einmal eine Sammlung mit Erzählungen (die „Meistererzählungen“ von detebe*). Und nun lese ich einen ihrer Romane – „Vorsätzlich Herumlungern“ (die Wahl fiel auf diesen Roman aufgrund des skurrilen Titels).

Und ich muss sagen, ich habe es nicht bereut. Muriel Spark ist eine Meisterin der Figurenkonstruktion. Jede Figur einer Erzählung oder des Romans wird detailliert vorgestellt.  Für den Leser entwickelt sich dadurch ein sehr lebendiges Bild. Desweiteren schimmert hier und da der typisch britische Humor durch. Entweder in den Eigenschaften der Figuren oder in deren Handlungen.

Ich bin froh, diese Autorin für mich entdeckt zu haben und werde sicherlich in Zukunft noch mehr von ihr lesen.


*  detebe liefert mit den Bänden der Meistererzählungen generell eine gute Möglichkeit sich einen Überblick über einen Autor zu verschaffen.

Wie ich schon bei David Hilberts Biographie hervorhob, ist ein guter Buchtitel ein gutes Lockmittel für Leser. „Der Mann, der die Erde wog“ von Richard von Schirach ist wieder so ein Titel.

Diesmal geht es um Menschen, deren Entdeckungen die Welt veränderten. Es sind überwiegend tragische Schicksale. So erfahren wir u.a. von Boltzmanns Selbstmord, die Tragödie um Max Plancks Sohn Erwin, Cavendishs Menschenscheu und Lew Landaus schrecklichem Unfall. Man erfährt etwas über den Zusammenhang von Nernsts Doktoranden und der Bombardierung Dresdens.

Da ich gerade Hilberts Biographie las, ist die nun etwas andere Sicht auf Göttingen interessant.  Es finden sich des weiteren Biographien von Bunsen, Kirchhoff, Michelson und Oppermann.

Besonders schwer fiel mir die Lektüre von Houtermans‘ Schicksal. Es ist immer wieder entsetzlich, was Menschen sich gegenseitig so antun können.

Alles in allem aber trotzdem eine faszinierende Lektüre.

P.S. Ein besseres wissenschaftliches Lektorat hätte sicher geholfen, Fehler (so ist z.B. auf Seite 137 nicht das Strahlengesetz sondern die Kirchhoffchen Regeln auf der Briefmarke zu sehen) und Ungereimtheiten zu vermeiden.

Reisen bietet große Vorteile, und nichts vermag Vorurteile besser zu überwinden, denn ich gestehe, ich hatte keine so günstige Meinung von Deutschland.

(David Hume)

Rainer Wieland versammelt in seinem Buch Das Buch der Deutschlandreisen: Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit“ ein weites Spektrum an Reiseberichten. Beginnend mit Cäsar und Tacitus, über David Hume, Madame de Staël und Stendhal bis zu John F. Kennedy und Andy Warhol (um nur ein paar der bekanntesten zu nennen) reicht die Palette der Autoren. Jeden Bericht setzt Wieland in den zeitlichen und biographischen Kontext. Illustrationen und Fotos lockern die Texte etwas auf.

Es ist interessant zu lesen, wie der Blick von außen sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Wie die Leute über Deutschland dachten und wie sie es wahrnahmen. Was die Reisenden als wichtig erachteten und warum überhaupt sie nach Deutschland kamen.

Eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Buch ist der Bericht von F. Forsyth als Reuters-Korrespondent in Ost-Berlin. Es ist kaum zu glauben, dass das wirklich so passiert ist.

Also Leute, wenn Ihr Reiseliteratur mögt, kann ich Euch das Buch ans Herz legen. Es ist aber ob seiner 1.6 kg als Bettlektüre wenig geeignet. 😉

Daniel Kampa bringt den Maigret nun doch nicht selbst heraus. Die NZZ vermeldet, dass die Taschenbücher und noch einige andere Bände nun bei Hoffmann und Campe erscheinen werden. Hatte Kampa sich mit seinem Projekt übernommen?

Nächste Seite »