Wissenschaftliches


Wie ich schon bei David Hilberts Biographie hervorhob, ist ein guter Buchtitel ein gutes Lockmittel für Leser. „Der Mann, der die Erde wog“ von Richard von Schirach ist wieder so ein Titel.

Diesmal geht es um Menschen, deren Entdeckungen die Welt veränderten. Es sind überwiegend tragische Schicksale. So erfahren wir u.a. von Boltzmanns Selbstmord, die Tragödie um Max Plancks Sohn Erwin, Cavendishs Menschenscheu und Lew Landaus schrecklichem Unfall. Man erfährt etwas über den Zusammenhang von Nernsts Doktoranden und der Bombardierung Dresdens.

Da ich gerade Hilberts Biographie las, ist die nun etwas andere Sicht auf Göttingen interessant.  Es finden sich des weiteren Biographien von Bunsen, Kirchhoff, Michelson und Oppermann.

Besonders schwer fiel mir die Lektüre von Houtermans‘ Schicksal. Es ist immer wieder entsetzlich, was Menschen sich gegenseitig so antun können.

Alles in allem aber trotzdem eine faszinierende Lektüre.

P.S. Ein besseres wissenschaftliches Lektorat hätte sicher geholfen, Fehler (so ist z.B. auf Seite 137 nicht das Strahlengesetz sondern die Kirchhoffchen Regeln auf der Briefmarke zu sehen) und Ungereimtheiten zu vermeiden.

Aufmerksam wurde ich auf Georg von Wallwitz‘ Buch als erstes durch dessen Titel — „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt: Wie ein Mathematiker die Welt veränderte“. Und ein kurzer Blick ins Buch bestätigte, das das wohl eher keine durchschnittliche Biographie ist. Die Lektüre hat dies nun bestätigt.

Entlang der Biographie David Hilberts wird die Entwicklung der Mathematik, Relativitätstheorie und Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsentiert. Die wichtigsten Protagonisten (wie z.B. H. Minkowski, E. Noether, A. Einstein, F. Klein, J. von Neumann etc.) werden mit Kurzbiographien vorgestellt und ihre Interaktion mit Hilbert geschildert. Leibnitz als einem gedanklichen Vorläufer ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Das Ganze liest sich mehr wie eine Wissenschaftsgeschichte denn eine Biographie. Aber dem Autor gelingt es, die Personen und Ereignisse so zu beschreiben, das es nie langatmig oder langweilig wird.

Entsetzt hat mich das Ende der Geschichte. Es ist immer wieder traurig zu lesen, wie die Nazis in kürzester Zeit die intellektuelle Elite aus Deutschland vertrieben. Und in Göttingen eine „Deutsche Mathematik“ propagierten.

Ich möchte für dieses Buch eine klare Leseempfehlung aussprechen.

Die einen lesen G.R.R. Martins „Ein Lied von Eis und Feuer“. Andere schauen die Fernsehserie „Game of Thrones“. Und dann gab es noch die Gruppe von Leuten, die sich im Oktober 2015 zusammensetzten, um kulturwissenschaftliche Perspektiven von Buch und Show zu diskutieren. Auf Grundlage dieser Diskussionen entstand der Band Die Welt von »Game of Thrones«: Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins »A Song of Ice and Fire«“ von Markus May et al. Inhaltlich schlägt er einen weiten Bogen von Politik, Religion und Mythen über die Darstellung von Kindheit und Jugend, Filmmusik und Schwertkämpfen bis zu Computerspielversionen und die Darstellung von Sex und Nacktheit.

Wie es sich für ein deutschsprachiges wissenschaftliches Werk gehört, ist nicht jeder Beitrag leicht und flüssig lesbar. Mancher Beitrag ist sehr nah am Thema, andere berühren es nur peripher. Es ist alles in allem keine leichte Lektüre. Aber ich habe einiges erfahren, das mir so bisher nicht aufgefallen bzw. bewusst war. Und einiges Neues gelernt, wie zum Beispiel über Filmmusik, über das ich mir bisher keine Kopf gemacht habe.

Ja, doch, die Lektüre lohnt sich.

P.S. Einer der Autoren verwies auf ein Musikvideo, welches sehr schön zum Thema passt.

Jürgen Kaubes Buch „Die Anfänge von Allem“ ist ein Geschichtsbuch der besonderen Art. Die Idee des Autors war, historische Ereignisse zu porträtieren, die (fast) keine archäologischen Spuren hinterlassen haben.

Er beginnt mit der Entwicklung des aufrechten Ganges. Dann geht es weiter mit dem Kochen, dem Sprechen, der Sprache, Kunst und Religion, über Stadt und Staat bis zu Geld und Monogamie (und einigen weiteren hier nicht aufgezählten Themen).

Kaube erläutert jedes Thema äußerst detailliert. Alle Aussagen sind durch Literaturverweise abgesichert (das ergibt ca. 50 Seiten Querverweise). Auch modernste Theorien und Modelle jenseits der wissenschaftlichen Trampelpfade werden erwähnt und oft als die bessere Alternative beschrieben. Und trotz der hohen Informationsdichte ist das Ganze noch gut lesbar.

Für Geschichtsinteressierte eine unbedingte Leseempfehlung.

Das einzig wahre Mittel gegen Bullshit ist Wissen. Wissen um die Methoden der Bullshitter.

Das Buch „Glauben Sie nicht jeden Bullshit. Wie Sie mentale Verführer durchschauen“ von Stephen Law versucht, die wichtigsten Methoden von Esoterikern, Verschwörungstheoretikern und Vertretern der verschiedensten Religionen aufzudecken und dem Leser geeignete Gegenmittel in die Hand zu geben.

Das ganze Spektrum von der Mysterienkarte, über „Aber es passt!“ und „Ich weiß es einfach!“ bis zu Pseudotiefgründigkeit und Anekdotensammlung wird dabei abgedeckt. Law ist sehr gründlich, und  das macht das Lesen teilweise mühsam. Der gesammelte Schwachsinn der Bullshitter ist so konzentriert nur schwer zu ertragen. Aber wenn man es schafft durchzuhalten, ist der rhetorische Werkzeugkasten für die nächste Diskussion mit neuen, mächtigen Werkzeugen ergänzt worden.

P.S. Law verweißt im Kapitel über die Pseudotiefgründigkeit auf den Postmodernism Generator. Dieser ist in der Lage, ein wunderbar tiefgründiges und trotzdem sinnentleertes Essay mit Querverweisen und allem Drum und Dran zu generieren. Nur, falls man mal wieder sowas schreiben muss. 😉

Martin Moder steht nicht nur auf der Bühne, sondern hat auch ein Buch geschrieben.

„Treffen sich zwei Moleküle im Labor“ ist ein gut zu lesender Einblick in die Welt der Molekularbiologie. Wobei der Rahmen des Buches von Hirnamputation an Fruchtfliegen über synthetische Döner bis zu den Horden Dschingis Khans sehr weit gefasst ist. Lesenswert. Humorvoll. Informativ.

Ich lese gerade „Die Entstehung des Islam: Die ersten hundert Jahre“ von Lutz Berger. Ich muss zugeben, das Buch ist recht trocken geschrieben. Aber es lohnt sich. 

Berger beschreibt detailliert die politische und religiöse Situation in den Regionen, die der Islam in seiner Frühzeit eroberte, und wie diese Regionen dann übernommen wurden. Dabei wird sehr deutlich, das der Islam sich nicht aufgrund religiöser Vorstellungen bzw. religiöser Vorzüge verbreitete. Es war ganz klar ein politisch, militärischer Vorgang. Interessant ist dabei auch, daß anfangs offenbar eine gewisse religiöse Toleranz gegenüber den anderen Völkergruppen und Glaubensrichtungen vertreten wurde. Natürlich nur, insofern diese sich unterwarfen. Aber das hat mit militärischer Gewalt zu tun und nicht mit Religion!

Berger betont auch immer wieder, wie unvollständig und teilweise widersprüchlich die Quellenlage ist. Diese Ehrlichkeit begegnet einem selten in populärwissenschaftlicher, besonders geisteswissenschaftlicher Literatur.

Alles in allem liefert dieses Buch einen interessanten Beitrag zur Debatte über den Islam.

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